"Luther 1517 / 1521"

Lutherdenkmal in Worms/ Foto: K.E. Brück

Zu Besuch bei Pfarrer Seredzun (re.) in Ludwigshöh/ Foto: K.E. Brück

Kranichsteiner Pilgerinnen und Pilger waren Pioniere auf dem Lutherweg:
Der Lutherweg zwischen Worms und Eisenach wurde am 14. Mai 2017 offiziell eingeweiht. Die Kranichsteiner Pilgergruppe hat sich die 350 km Weg von Worms nach Eisenach ab dem Frühjahr 2015 etappenweise selbst erschlossen und kam bereits am 17. Juni 2017 auf der Wartburg an.

Dieses Jahr, zum Lutherjubiläum, wollten wir eigentlich in Worms ankommen. Nicht auf dem Lutherweg rückwärts, sondern als Ziel des Martinsweges von Mainz über Bingen nach Worms. Da hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber wir bleiben auf dem Weg und behalten das Ziel im Blick…

Vom Sinn des Pilgerns
Das mit dem Pilgern ist ja so eine Sache: Hat man den Weg einmal unter die Füße genommen, lässt er einen so schnell nicht mehr los. Denn Pilgern ist mehr als Wandern auf frommen Wegen. Zum Pilgern gehört, sich auch innerlich auf einen Weg zu machen; auf einen Weg auf ein Ziel hin – ein ganz konkretes physisches Ziel am Ende des Weges, und vielleicht auch ein inneres Ziel - auch wenn Letzteres vielleicht beim Aufbruch noch gar nicht klar zu benennen ist. So betrachtet ist Pilgern auch und vor allem eine Reise nach innen, zu sich selbst, und damit auch zu Gott.

Davon können viele der Kranichsteiner Pilgerinnen und Pilger ein Lied singen. Auf dem Weg, in Gesprächen oder auch im Schweigen; in Impulsen, Liedern und Gottesdiensten; beim gemeinsamen Rasten oder beim „Feierabend“ kommen sie immer wieder mit sich selbst, miteinander und mit Gott in Berührung. Freude und Leid, Schweres und Beglückendes, eben das volle Leben mit seinen Höhen und Tiefen, wird geteilt.

Zwischendurch gibt es oft schöne Begegnungen – unerwartete und auch geplante, wie z.B. auf dem Foto unten mit Harald Seredzun, dem ehemaligen Pfarrer der St.- Jakobus-Gemeinde in Kranichstein.

Der Weg und das Ziel
Es ist immer wieder beglückend, endlich am Ziel anzukommen – am Abend, am Ziel der Tagesetappe, und am Ende, am Ziel des Weges.

Erinnern wir uns an so manche Tagesetappe auf dem Lutherweg oder auf einem unserer anderen Pilgerwege: Wie schön war es jedes Mal aufs Neue, am späten Nachmittag oder Abend irgendwo anzukommen, wo wir erwartet wurden. Wie schön war es, gemeinsam am Tisch zu sitzen, uns auszutauschen über die Erlebnisse unterwegs und uns an Leib und Seele zu stärken.

Vielleicht erinnert sich der Eine oder die Andere auch noch an das Ankommen auf der Wartburg im Juni 2017 Das war etwas ganz Besonderes: Der Blick auf die Wartburg nach 350 km Fußmarsch. Da hatten einige Tränen in den Augen. Und viele haben gespürt, dass eben nicht allein der Weg das Ziel ist. So schön und beglückend er unterwegs auch an vielen Stellen gewesen sein mag.

Der Pilgerweg braucht die kleinen Etappenziele am Ende jedes Pilgertages, und er braucht auch dieses große Ziel ganz am Ende der Pilgerreise. Weil dieses Ziel etwas mit dem Ziel zu tun hat, das ich im Kopf und im Herzen habe, wenn ich aufbreche. Weil dieses Ziel etwas mit dem großen Ziel meines Lebens zu tun hat. Und weil es mich in Kontakt bringt mit der Frage, wohin ich unterwegs bin; wohin die Reise meines Lebens gehen soll; wo ich einmal ankommen will.

Damals, am 18.04.2015 (s. oberes  Foto), war das Lutherdenkmal in Worms unser Startpunkt. Dieses Jahr, 2021, hätte es unser Ziel sein sollen. Viele sind traurig, dass es letztes Jahr gar nicht und dieses Jahr bisher noch nicht möglich war, weiterzugehen auf dem Martinsweg. Die Sehnsucht vieler, den Weg wieder unter die Füße zu nehmen, steigt. Deshalb gibt es jetzt, am 4. September, zumindest mal eine kleine Zwischenetappe, bei der keine langen Anfahrten im Auto und keine Aufenthalte in geschlossenen Räumen nötig sind: Wir pilgern 9 km von St. Jakobus Kranichstein zur St. Antonius-Kapelle in der Grube Messel und haben dort Gelegenheit zu einem „Open Air“-Abschluss. (Mehr Infos dazu gibt es im Pfarrbüro von St. Jakobus.)

Der „Pilgerweg des Lebens“ und die „Pilgerwege der Kirchen“
Werfen wir zum Abschluss noch einen Blick auf den „Pilgerweg des Lebens“, von dem jede Wallfahrt und jede Pilgeretappe nur ein kleiner Bruchteil sein kann.

Viele gehen nach dem Pilgern nur mit Wehmut wieder in ihren Alltag zurück. Und doch ist das der Ort, an den ich gestellt bin: Der Ort meines Lebens und meiner Berufung, an dem ich mich so mancher Herausforderung stellen muss und an dem ich meinen Auftrag zu erfüllen habe. Es lohnt sich, diesen Ort hin und wieder zu verlassen… damit ich ihn danach gestärkt und gerne wieder einnehmen kann.

Auch als christliche Kirchen sind wir auf einen Pilgerweg gestellt. Die aktuellen Etappen heißen „Pastoraler Weg“ (katholisch) und „Prioritätenprozess“ (evangelisch).Die Herausforderungen sind hier wie da ähnlich; die Wegetappen erscheinen manchmal zu steil, zu lang, zu unübersichtlich, … ja kaum zu bewältigen. Und das Ziel ist vielerorts noch nicht klar zu sehen. Da möchte man vielleicht manchmal am liebsten gar nicht erst losgehen oder gleich wieder umkehren.

Dennoch - wichtig ist auch hier die Bereitschaft aufzubrechen, Altes zurück- und neue Erfahrungen zuzulassen. Denn im Gehen kann Neues entstehen: Ideen, Weggefährtenschaften, Orte, Zeichen und Wunder…

Immer wieder staune ich darüber, wie unterschiedlich die Motivation sein kann, die einen Pilger oder eine Pilgerin auf den Weg treibt: Es gibt Sport-Pilger, Kultur-Pilger, Event-Pilger, HochleistungsPilger, Sinnsuche-Pilger, Lebens-Bewältigungs-Pilger… und irgendwo dazwischen gibt es auch die religiösen, spirituellen und christlichen Pilger. Die alle gibt es auch in unserer Gesellschaft, in unserer Welt. Und die alle gilt es wahrzunehmen und mitzunehmen auf den Wegen unserer Kirchen. Das macht es bunt und spannend und bewahrt uns davor, nur im eigenen Saft zu schmoren.

So ist der wahre Pilgerweg nicht der nach Jerusalem, Rom oder Santiago – und auch nicht der nach Eisenach oder Worms. Der wahre Pilgerweg ist das Leben selbst. So betrachtet gibt es so viele Pilgerwege wie Menschen auf der Welt.

Welches Weg ist Ihr Pilgerweg? – Wofür gehen Sie?                                                         

 

Herr, du kennst meinen Weg.
Den Weg, der hinter mir liegt,

und den, der vor mir liegt.
Du begleitest mich jeden Augenblick.
Du bist immer für mich da.

 Weil du mich führst,
kann ich versuchen, mich selbst zu führen,

dass meine Augen und Ohren unterscheiden lernen,
dass meine Hände anderen helfen lernen,
dass mein Denken das Richtige findet,
dass mein Herz das Rechte entscheiden lernt.

 Weil du mich führst,
will ich meinen Weg versuchen.

Charles de Foucauld

 

Anmerkung der Redaktion:
Näheres zum Luther-Jubiläum in Worms können Sie einem Artikel in der Sonderbeilage des Darmstädter Echos hier  entnehmen.