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Grußwort Pfarrer Decke zum 40jährigen Jubiläum

Pfr. Gerd Decke/ Foto: privat

„Liebe Geschwister im Ökumenischen Gemeindezentrum Kranichstein!
Der Wochenspruch für die an diesem Sonntag, dem 8. November 2020, beginnende Jubiläumswoche der Einweihung des ÖGZ lautet: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“( Mt.5,9) Herzlichen Glückwunsch, dass unser Ökumenisches Gemeindezentrum Frieden gestiftet hat zwischen der katholischen und der evangelischen Gemeinde. Ihr seid ein lebendiges Symbol für den  alles umfassenden Schalom zwischen den Kirchen !

Darum herzliche Glückwünsche zum 40. Jubiläum der Gründung und Einweihung des Ökumenischen Gemeindezentrums und Gottes Segen für Eure evangelischen und katholischen Gemeinden, die immer mehr zu einer ökumenischen Gemeinde aus den zwei Gemeinden geworden sind! Als ev. Gemeindepfarrer in Eurem, in unserem ÖGZ war ich von 1980, dem Tag der Einweihung, bis Januar 1993 begeistert davon, was hier möglich war und was in Zukunft noch möglich sein wird.

Anfang 2020 wurde diese Idee einer ökumenischen Gemeinde von Landesbischof Ralf Meister,  Ev.-luth. Landeskirche Hannover, ins Gespräch gebracht: "Viele Menschen fragen schon heute nicht mehr danach, ob jemand evangelisch oder katholisch ist, sondern nur, ob er Christ oder Christin ist. Wir müssen uns also überlegen, was wir gemeinsam tun können - bis hin zur Gründung von reinen ökumenischen Gemeinden. Das ist zwar ein ferner Wunsch, aber man kann ihn ja ruhig mal äußern", sagte er.

Aber so fern ist der Wunsch nach einer ökumenischen Gemeinde gar nicht. Denn dieser revolutionär klingende Gedanke wird schon seit 4 Jahrzehnten wie selbstverständlich praktiziert – in den mehr als 40 Ökumenischen Gemeindezentren wie dem ÖGZ Kranichstein.

Solche aus einer evangelischen und einer katholischen Gemeinde bestehenden, zusammen konzipierten, gebauten und gestalteten Gemeindezentren gab es in den 1980er Jahren in Deutschland etwa 40 in der alten Bundesrepublik und eins in der damaligen DDR. Die Idee dazu entstand in den Jahren nach der ökumenischen Öffnung durch das II. Vatikanische Konzil, das 1965 endete. Die Initialzündung geschah meist um 1970 und dann dauerte es etwa 10 Jahre, bis entworfen, genehmigt, gebaut und dann (ein)geweiht werden konnte.

Uns beseelte der „Mut zur Ökumene“, wie wir ein Buch über unsere Erfahrungen und Perspektiven aus dem Jahre 1984 nannten, angeregt durch die Visitation des evangelischen Kirchenpräsidenten Hild von der Ev. Kirche in Hessen und Nassau und des katholischen Bischofs Kardinal Lehmann von der Diözese Mainz. Wir waren inspiriert von der konzeptionellen Vision, alles miteinander zu wagen, was wir nicht allein tun müssen.

Architektonisch zeigt sich das darin, dass das Zentrum wie ein Zelt mit zwei Spitzen konzipiert ist, die sich in einem Glockenraum treffen, und mit einem Innenhof, in dem sich die imaginäre Grundstücksgrenze befindet, die juristisch die beiden Gemeinden trennt, die ihre Räume aber gemeinsam nutzen.

Der Mut zur Ökumene äußert sich darin, dass wir zehn ökumenische Gottesdienste im Jahr haben, . Begeistert aufgenommen wurde, dass wir uns gegenseitig zu unseren Ostergottesdiensten einladen, der katholischen Osternacht und dem evangelischen Ostermorgengottesdienst mit Osterfeuer und einer Osterkerze, Geschenk der katholischen Gemeinde.

Alle Gemeindekreise und Aktivitäten werden gemeinsam betrieben, von der Kinderarbeit über die Familienarbeit und den ökumenischen Gesprächskreis konfessionsverbindender Paare bis zur Seniorenarbeit, vom Chor und den Flötengruppen bis zu den verschiedensten Kreisen, u.a. Nachbarschaftshilfe und Geburtstagsbesuchskreis bis zur Basarvorbereitung. Und es gab die gegenseitige Einladung zur wechselseitigen Teilnahme eines Vertreters des katholischen und des evangelischen Leitungsgremiums beim jeweils anderen und gemeinsame Klausurtagungen der Leitungsgremien.

Es gab wichtige Anregungen zur Horizonterweiterung von beiden Seiten. So hat auch die katholische Feier der Erstkommunion uns Evangelische angeregt, eine Frühkonfirmandenzeit anzubieten.

Aus dem im evangelischen Teil des ÖGZ tagenden Friedenskreis wurde die ökumenische Teilnahme am konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, für den wir uns auf gemeinsam besuchten Kirchentagen und Katholikentagen, Ökumenischen Versammlungen im Dekanat Darmstadt und in Region Rhein-Main inspirieren ließen.

Beide Gemeinden verstanden Ökumene aber nicht nur inter-konfessionell, sondern auch international und interkulturell. So partizipierten wir gegenseitig an den Partnerschaften nach Brasilien (katholisch) und Südafrika und Prag (evangelisch) und an den damit verbundenen politischen Fragen zu den Menschenrechten im Kontext von Entwicklung, Apartheid und Sozialismus.

Entscheidend für das Gefühl, eine ökumenische christliche Gemeinde zu sein, die in evangelischer und katholischer Gestalt sich auf einander zu bewegt, ist sicher die Annäherung, die durch die konfessionsverbindenden Ehepaare existenziell gefühlt und praktiziert wurde. Diese Familien, unerheblich ob die Kinder nun evangelisch oder katholisch werden (die Taufe ist ja das ökumenische Sakrament), erden die Ökumene. Sie machen etwa ein Drittel der Gemeindeglieder aus und haben ein elementares Interesse daran, dass alles, was irgend geht, gemeinsam geschieht. Das gilt natürlich auch für Abendmahl und Eucharistie.

So hat die gegenseitige Einladung zu den Ostergottesdiensten hat dazu beigetragen, dass wir nicht nur miteinander gebetet und das Osterlob gesungen und den Ostergeschichten und ihrer Auslegung gelauscht haben. Es gab in beiden Gottesdiensten gegenseitige Teilnahme am Abendmahl.

In vielen Gesprächsreihen ist der gemeinsame christliche Alltag von konfessionsverbindenden Familien, das „Lima-Papier“ zu Taufe, Eucharistie und Amt, die Entwicklung von der Mischehe über die konfessionsverschiedene und schließlich hin zur konfessionsverbindenden Ehe und ganz zentral Theologie und Praxis von Abendmahl und Eucharistie engagiert diskutiert worden.

Ist die Eucharistie Quelle oder Ziel der kirchlichen Einheit? Im ÖGZ Darmstadt-Kranichstein fanden wir heraus, es ist beides, wenn man intensiv miteinander lebt und alles Mögliche und auch scheinbar Unmögliches gemeinsam macht. Symbol für das ÖGZ ist ein Bild geworden: zwei nebeneinander, vor- und hintereinanderstehende Bäume, die einen gemeinsamen Wurzelbereich (in Kreuzesform) haben und zwei gemeinsame Kronen, wo sich evangelische und katholische Äste und Zweige immer wieder berühren und von weitem wie ein Baum wirken.

Die (inzwischen weit mehr als) 40 Ökumenischen Gemeindezentren in Deutschland sind eine erstaunlich große und in der kirchlichen Öffentlichkeit erstaunlich unbekannte Bewegung ökumenischer Gemeinden. Sie haben geschätzt jeweils zusammen etwa 6000 evangelische und katholische Gemeindemitglieder. So erleben ungefähr 240 000 Christen das ganze Kirchenjahr als ökumenisch geprägt. Und über die Jahrzehnte hinweg sind das ja noch viel mehr Menschen. Diese erfahren sich schon als ökumenische Gemeinden, die sich in ihren zwei unterschiedlich geprägten Hälften kreativ aufeinander zu bewegen. Sie wollen keinen Einheitsbrei, sondern Einheit in Vielfalt, gegenseitige Infragestellung und Öffnung, Anregung und Bereicherung, kurz versöhnte Verschiedenheit.

So heißt es in der Charta Oecumenica des Ök. Gemeindezentrums Darmstadt-Kranichstein: „Wir verpflichten uns, in unseren beiden Gemeinden offen zu bleiben für den ökumenischen Geist, aus dem sie gebaut wurden. Wir wollen auf dem Weg zur Einheit weiter gehen und uns vom Geist Gottes zur Vollendung der Einheit führen lassen.“

Pfr. Gerd Decke,
Gemeindepfarrer der Ev. Philippusgemeinde von 1980-93
im Ökumenischen Gemeindezentrum Kranichstein“